Hajo Meyer: Verrat eine ethischen Tradition

Hajo Meyer

Verrat einer ethischen Tradition

27.01.2010 – Holocaustgedenktag

Als Auschwitz vor 55 Jahren durch die sowjetische Armee befreit wurde, war ich 20 Jahre alt. Die Befreiung kam gerade rechtzeitig, denn 10 Monate in Auschwitz-Gleiwitz-1 hatten mich stark geschwächt. Man musste ausgesprochen viel Glück haben, um so lange unter den Bedingungen, die in diesem Lager herrschten, zu überleben.

Zwei entscheidende glückliche Umstände waren auf meiner Seite. Der eine bestand darin, dass ich in den ersten Jahren meines Aufenthalts als Flüchtlingskind in den Niederlanden das Handwerk des Schlossers gelernt hatte. In dem sehr kalten Winter ’44/’45 arbeitete ich daher in einer Fabrik, somit im Warmen. Das zweite Glück war ein sehr guter Freund namens Jos, auf den ich mich absolut verlassen konnte. Wir halfen einander so gut wir konnten. Und beide haben wir überlebt.

Ein anderer Aspekt meiner Freundschaft mit Jos betraf den Umstand, dass man trotz – oder besser: wegen – der extrem hohen Zahl an Menschen pro Quadratmeter in solch einem Lager sehr einsam war. Durch unsere Freundschaft, unsere gegenseitige Hilfe und unser unbedingtes gegenseitiges Vertrauen waren wir nicht einsam. Das trug entscheidend zu unserem seelischen Überleben bei.

Das psychische Überleben ist mindestens ebenso wichtig wie das physische. Denn in der Tat waren ja die Konzentrationslager der Nazis der Versuch, uns Juden zu entmenschlichen. Wurde ein Gefangener zum Kapo und damit Teil des Unterdrückungssystems, war die Entmenschlichung gelungen. Auch die nicht-jüdischen Beteiligten an der Unterdrückung verloren Anteile ihres Menschseins. Damals begriff ich, dass jeder, der einer herrschenden Gruppe angehört und es darauf anlegt, Menschen einer Minorität zu entmenschlichen, nur dann dazu in der Lage ist, wenn er durch Erziehung, Indoktrination oder Propaganda selber entmenschlicht worden ist, unabhängig davon, welche Uniform er trägt.

Es ist eine Tragödie, dass dies nicht die Lehre ist, die in Israel aus den Erfahrungen in Auschwitz gezogen wird. Im Gegenteil, dort wird Auschwitz zu einer Art neuem religiösen Kult erhoben.

“Am Anfang ist Auschwitz”, schrieb Elie Wiesel. “Nichts ist mit dem Holocaust zu vergleichen, aber alles muss zu ihm in Beziehung gesetzt werden. Diese Heraushebung hat es ermöglicht, den Holocaust für politische Zwecke auszubeuten. Alles, was einst als Teil einer reichen und vielfältigen jüdischen Tradition wertgeschätzt wurde – so an zentraler Stelle eine ethische Tradition – verschwindet angesichts des Versuchs der Vernichtung durch die Nazis. Diese Holocaust-Religion impliziert in den Augen vieler, dass Israel unmöglich Unrecht begehen kann.

Auschwitz fand innerhalb der Geschichte statt, nicht jenseits von ihr. Die wichtigste Lektion, die ich dort lernte, ist eine sehr einfache: Wir Juden dürfen niemals so werden wie unsere Peiniger – auch nicht, um unser Leben zu retten. In Auschwitz bereits ahnte ich, dass ein solcher moralischer Niedergang mein Überleben sinnlos machen würde.

Wie die meisten deutschen Juden bin ich in einer säkularen und humanistischen Tradition großgeworden, die dem zionistischen Projekt eher Ablehnung als Sympathie entgegenbrachte. Seit 1967 ist ganz deutlich geworden, dass der politische Zionismus ein einziges Ziel verfolgt: ein Maximum an Land mit einem Minimum an Palästinenserinnen und Palästinensern darin zu erlangen. Dieses Ziel wird, wie sich bei dem Angriff auf Gaza gezeigt hat, mit einer durch nichts zu rechtfertigenden Grausamkeit verfolgt. In der Dahiye-Doktrin* des israelischen Militärs wird diese Grausamkeit explizit formuliert, und moralisch wird sie durch die Holocaust-Religion untermauert.

Ich kann die Parallelen zwischen meinen Erfahrungen in Deutschland vor 1939 und dem, was die Palästinenser heute erleiden, nicht übersehen und das schmerzt mich. Ich kann nicht umhin, in der Rhetorik der fundamentalistischen Siedler Anklänge an den Nazi-Mythos von “Blut und Boden” festzustellen, wenn sie ihr heiliges Recht auf das biblische Land Judäa und Samaria behaupten. Die unterschiedlichen Formen von Kollektivstrafen, mit denen die palästinensische Bevölkerung geschlagen ist – erzwungene Ghettoisierung hinter einer “Sicherheitsmauer”, das Niederwalzen von Wohnhäusern und die Verwüstung von Feldern, eine Wirtschaftsblockade, die den Menschen den Zugang zu Wasser, Lebensmitteln, medizinischer Versorgung, Bildung und den grundlegenden Erfordernissen eines würdigen Lebens raubt – all lässt mich unweigerlich an die Entbehrungen und Demütigungen denken, die ich in meiner Jugend erlebt habe. Der seit einem Jahrhundert andauernde Unterdrückungsprozess bedeutet unvorstellbares Leiden für die Palästinenser und Palästinenserinnen.

Es ist nicht zu spät, aus Auschwitz eine andere Lehre zu ziehen. Im vergangenen Jahr ist beispielsweise das Internationale Jüdische Antizionistische Netzwerk (IJAN) für viele – darunter junge US-amerikanische Juden – zum Mittel geworden, die Grundfesten des Zionismus in Frage zu stellen und sich dem palästinensischen Aufruf zu einem Boykott, zu Desinvestition und Sanktionen (BDS) gegen Israel anzuschließen. Ihr wie auch mein Ziel ist es, die angeblich in ihrem und meinem Namen betriebene Enteignungsstrategie eines „jüdischen“ Staates und seinen Exklusivitätsanspruch anzugreifen. Sie haben das klassische jüdische Konzept der “Umkehr” (teshuvah) von einem falschen Weg verstanden. Und sie begreifen, dass das Streben nach Gerechtigkeit und danach, aus sinnlosem Leiden positive ethische Schlüsse zu ziehen, nicht nur einer alten jüdischen Geschichtsdeutung und Auffassung von historischer Verantwortung entspricht, sondern für uns alle entscheidend ist, wenn wir die Welt, in der wir zu leben wünschen, tatsächlich entstehen lassen wollen. Entscheidend ist ihrer und meiner Auffassung nach dieses Streben auch für unser aller moralisches Überleben.

* Dahiye-Doktrin: vom Oberkommandierenden des nördlichen Abschnitts Gadi Eisenkot nach dem Libanon-Feldzug von 2006 eingeführter Grundsatz der asymetrischen Kriegführung, wonach die israelische Armee jeden Ort, von dem Beschuss auf israelisches Territorium ausgeht, mit unverhältnismäßiger Gewalt und ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung angreifen wird. Dahiye oder Dahiya ist der dicht bevölkerte Ortsteil von Beirut, der 2006 flächendeckend bombardiert wurde; dort befinden sich Institutionen der Hisbollah.

Hajo Meyer ist u.a. Autor von: The End of Judaism: An Ethical Tradition Betrayed; Judentum, Zionismus, Antizionismus und Antisemitismus – Versuch einer Begriffsbestimmung; eines Beitrags in: Bedingungslos für Israel? Positionen und Aktionen jenseits deutscher Befindlichkeiten (Hrsg. Deeg, Dierkes)

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